Das Kapitel: Ein neuer Tag
Die Sonnenstrahlen fielen ins Zimmer ein und ließen die geschlossenen Augen langsam erwachen. Ihre tief schwarzen Augenränder wirkten bläulich im Licht. Geschlafen hatte das Mädchen nicht, keine einzige Sekunde. Alpträume plackten sie die ganze Nacht. Ihre Freunde die sie vor Autos stießen und Flucktaktionen vor dunklen Schatten denen sie nicht entfliehen konnte und der Gedanke alles einfach zu beenden. Kerzengerade und angespannt lag sie im Bett. Eine ruckartige Bewegung mit dem Hals erlaubte ihr einen kritischen Blick auf die Uhr zu werfen, die direkt neben ihr auf dem Schreibtischstuhl stand. Es war noch früh, viel zu früh für einen Langschläfer wie sie es war. Sie versuchte ihre Muskeln zu entspannen und streckte sich, was ihr allerdings nur einen Wadenkrampf einbrachte. Der perfekte Start in den Tag!
Sie könnte jetzt einen Kaffee gebrauchen, war aber zu faul um aufzustehen und unten in der Küche sich einen zu machen. Ein Butler wäre jetzt praktisch! Vielleicht sollte sie sich einen anschaffen, dass Geld um ihn zu bezahlen hatte sie schließlich jetzt.
Regungslos blieb sie liegen, sie dachte ja gar nicht daran so früh am Morgen schon aufzustehen, doch wusste sie genau, dass die Langeweile sie bald aus dem Bett bringen würde. Doch solange dies nicht der Fall war, blieb sie liegen. Ihre Augen wirkten matt. Keine einzige Regung in der Pupille. Wenn die Augen das Tor zur Seele sind, dann ist in ihrem Körper kaum noch eine vorhanden. Ein schweres Seufzen entwich ihr. Sie hob den Arm und betrachtete zwei Narben am linken Unterarm. In ihrem zwölften und dreizehnten Lebensjahr versuchte sie sich das Leben zu nehmen. Mit Zwölf wollte sie von einem Parkgeschoss springen, doch ihre Höhenangst siegte über den Willen zu sterben. Mit Dreizehn verlor sie ihre beste Freundin und beinahe ihren Vater. Ihre Verzweiflung und Trauer taten ihren Job und brachten sie am Rande des ultimativen Abgrunds. Eine Rasierklinge sollte es sein. Langsames verbluten und das unbeschreibliche Gefühl, wenn sich die Seele Stück um Stück sich vom Körper löst. Die erste Narbe entstand durch einen Probeversuch, wie tief sie schneiden müsste, die zweite Narbe enstand durch den richtigen Versuch ihr Leben zu beenden, doch merkte sie beim schneiden, dass sie das Leid was sie verspürrte ihren Eltern aufbürden würde und ihren Freunden, wenn es denen nicht schon damals egal gewesen wären. Sie hörte noch rechtszeitig auf, bevor sie die Ader erreichte. Eltern und Freunde sollten nie davon erfahren und haben es auch nie.
Plötzlich traf es sie wie ein Schlag. Diese schwere Zeit konnte sie ohne die Unterstützung von Freunden, Familie und Psychologen meistern. Es machte sie stärker. Sie musste unbewusst lächeln. Es überkam sie wie eine Erleuchtung. Der wahre Sinn ihres bisherigen Lebens. Sie stand auf und ging schnellen Schrittes zum Kleiderschrank.
"Die alte Zeit, die alte Zeit" murmelte sie, während sie ein reich mit Rüschen benähtes Hemd aus den Schrank holte. Ihre Lippen bebten vor Aufregung. Was war es bloß, was das Mädchen so aus der Fassung brachte? Eine Art Mantel folgte. Er war mit goldenen Stickerreien verziert und trug mehrere Broschen, die wie kleine Spiegel aussahen. Sie betrachtete die Kleidung. Sie sah so aus, als wäre sie aus dem viktorianischem Zeitalter. Eine Zeit die das Mädchen sehr schetzte und liebte. Das 19 und 20 Jahrhundert fazinierte sie. Die glorreiche Zeit, wie sie selbst gerne sagte. Fest von ihrem Vorhaben überzeugt, zog sie das Hemd an. Die Diamanten Knöpfe schimmerten im Licht. Wie großartig und bedeutend sie sich in dieser Kleidung doch fühlt! Sie zog noch eine schwarze Hose an und der Mantel blieb auch nicht lange auf den Bügel. Ihre langen Haare steckte sie mit einer Perlenbestückten Schleife hoch. Nun sah sie wirklich adelig aus. Vom eigenen Spiegelbild entzückt bemerkte sie nicht wie jemand in ihr Zimmer eintrat. Es war ihr Vater. Wegen seinem Alters fand er seit der Pleite der Firma, wo er gearbeitet hatte, keinen Job mehr und wahr desshalb auch an Werktagen immer zu Hause. Der Anblick seiner verkleideten Tochter verwunderte ihn nicht, sie tat das öfters und so war er an das Erscheinungsbild seiner Tochter gewohnt. Er zog kritisch eine Augenbraue hoch, wünschte aber doch nur einen guten Morgen und ging wieder in sein Büro, was neben ihrem Zimmer lag. Ihr Blick war vom Spiegel abgewant, doch meinte sie im Augenwinkel eine Abnormalität wahr zu nehmen. Bei dem genauen Hinsehen war jedoch nur ihr normales Spiegelbild zu sehen. Ein Trugbild ihrer Schläfrigkeit? Sie machte sich keine weiteren Gedanken und ging die Treppen runter in den Flur um ihre hohen schwarzen Stiefel anzuziehen.
Heut ist ein neuer Tag und den würde sie voll ausnutzen!
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